Zwischen Guerilla und den glücklichsten Menschen der Welt

Naja, so ganz stimmt das nicht mit den glücklichsten Menschen der Welt, aber fast. Laut dem Happy Planet Index, einer britischen Studie der „ The New Economics Foundation“, landete Kolumbien 2016 auf Platz 3 von 143 Ländern (Deutschland schafft es übrigens nur auf Platz 49). Die Studie berechnet, wo die zufriedensten und glücklichsten Menschen auf der Erde leben und dabei allen Bedingungen der Nachhaltigkeit entsprechen, also den Planet bei ihrem Lebensstil am wenigsten schaden und einen geringen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

Ok, das alles hätten wir auch im Bericht von Costa Rica schreiben können, denn die Costa Ricaner, sind laut dieser Studie wirklich die glücklichsten Menschen der Erde. Aber das überrascht nicht wirklich, wer einmal dort war, weiß warum: traumhafte Natur, gutes frisches Essen, kein Militär und einen Friedensnobelpreisträger als Präsidenten, …

Aber Kolumbien? Wie können hier, nach über 50 Jahren bewaffneter Konflikte zwischen Regierung, Guerillas, Drogenkartellen und dem Paramilitär, glückliche Menschen leben?
Das wollten wir natürlich herausfinden und machten uns auf den Weg nach Kolumbien.

Unser Plan, uns hauptsächlich mit dem Bus fortzubewegen, bekommt hier schon den ersten Dämpfer, der Dichte und unüberwindbare Dschungel zwischen Panama und Kolumbien (Darian Gap) macht einen Flug nötig und nach einer kurzen Flugzeit von nur 2 ½ Stunden erreichen wir: Medellin. Die 3 Millionenstadt galt lange Zeit als gefährlichtste Stadt der Welt und einst wurden hier über 6800 Menschen pro Jahr umgebracht. Grund dafür war das Medellin-Kartell, welches zwischen Anfang der 1980er und Mitter der 1990er Jahre herrschte. Mit seinem berühmt-berüchtigten Anführer Pablo Escobar, war es lange Zeit der größte Kokain-Exporteur weltweit. Escobar galt als einer der brutalsten, aber auch reichsten Männer der Welt, er zahlte für jeden getöteten Polizisten 1.000 $. Nach dem Tod Escobars 1993 und anderer Führungspersonen löste sich das Medellín-Kartell infolge des verschärften Drucks von Staat und Polizei auf und heute ist die Stadt ein Zeichen der Hoffnung für ganz Kolumbien. Medellin hat sich von der gefährlichsten zu einer der innovativsten Städte der Welt gemausert. Durch groß angelegte Infrastrukturprojekte wurden gefährliche Bezirke in sichere Orte verwandelt, eine Metro in Betrieb genommen (die einzige in ganz Kolumbien) sowie ein verlässliches Bussystem etabliert. Neben zahlreichen Museen und Bibliotheken wurden auch die Armenviertel auf den umliegenden Hügeln mit Seilbahnen (Telefericos) und Rolltreppen endlich mit dem Rest der Stadt verbunden. Wir fahren mit dem Metrocable in einige Armenviertel (die tagsüber meist ziemlich sicher sein sollen), von wo aus wir einen tollen Blick auf die Stadt haben. Und übrigens, nein wir wurden nicht ausgeraubt.

Eine weitere Gondel führt uns auf einen anderen Hügel, hoch in die Berge, wo sich der Parque Arvi befindet. In dem riesigen Naturreservat, lediglich 15 Minuten von der wuseligen Stadt entfernt, kann man sich bei Wanderungen auf den unzähligen Hikingtrails vom Großstadttreiben erholen.
Zurück in der Stadt genehmigen wir uns erstmal eine Stärkung im Mercado wo man bei einem frischgepressten Saft das geschäftige Treiben der Einheimischen beobachten kann. Von der Markthalle führt uns der Weg durch volle, chaotische Straßen zurück zur Innenstadt, wo wir uns einer Stadtführung anschließen.

Von unserem Stadtführer, der in der Stadt aufgewachsen ist, erfahren wir viel über Land und Leute. Erschreckend ist sein Statement, dass ingesamt 8 seiner Freunde zu Kartellzeiten ermordert wurden, sowie 2 Onkel entführt und nur durch eine Lösegeldzahlung wieder freigelassen wurden. Die meisten Leute aus Medellin haben ähnliche Erfahrungen gemacht und trauern dem Kartell um Pablo Escobar keine Träne nach, weswegen wir seinen Namen während der Tour nicht sagen, sondern nur von dem „Einen“ sprechen um nicht den Unmut der Einheimischen auf uns zu ziehen.

Die Stadtführung startet am wohl touristischsten Platz der Stadt, die Plazoleta de las Esculturas. Hier stehen 23 üppige Bronzestatuen des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero aus Medellin, der durch seine unproportionalen Skulpturen und Bilder Weltruhm erlangt hat. Tatsächlich sind viele der Skulpuren und Bilder einfach nur sehr sehr witzig und mit versteckten Botschaften gespickt. Die Tour führt vorbei an vielen Museen, schönen Plätzen und alten Kirchen, wie der Basilica de la Candelaria. Die unscheinbare Basilika ist unspektakulär, wären da nicht die zahlreichen Prostituierten, die die Wege neben der Kirche säumen. Das Ganze hat wie alles in Kolumbien natürlich praktische Wurzeln: Wie überall in Südamerika sind auch die Leute in Kolumbien sehr gläubig, also warum nicht gleich nach dem Besuch bei einer Prosituierten zur Beichte in die Kirche, um sein Gewissen zu erleichtern? Praktisch, oder? Wir beenden die Tour im San Antonio Park, wo wir ein weiteres mal an Kolumbiens traurige Vergangenheit erinnert werden. Hier verloren 1995 bei einem Konzert 23 Menschen bei einem Bombenattentat ihr Leben. Der Sprengstoff wurde direkt unter einer Vogelskulptur von Botero deponiert. Der Künstler liess seine zerstörte Skulptur als Erinnerung an die Opfer und als Zeichen für den Drogenkrieg stehen und nannte sie „Pajaro Herido“, der verwundete Vogel. Kurze Zeit später schenkte Botero der Stadt eine weitere Figur, den Vogel des Friedens.

Spät am Abend nehmen wir mit all den Eindrücken den Nachtbus Richtung Norden, zur kleinen Hafenstadt Cartagena de Indias. Und nach nur wenigen Tagen in dem Land, haben wir auch definitiv den Eindruck, dass die Kolumbianer wirklich glückliche, fröhliche, herzliche und gastfreundliche Menschen sind, die trotz ihrer geschichtlichen Vergangenheit nicht ihre Lebensfreude verloren haben.

 

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